BEOBACHTUNGEN

Chris Günert

Hausmeister über andere kleinkarierten Kollegen

oder "Das Überwintern der Campingtouristen"

Jetzt hab ich fast alle sogenannten Fahrtensegler durch, Franzosen, Deutsche, Engländer, Schweden, Amerikaner, Belgier, Österreicher. Sowohl die von der Jetty als auch die, die draußen ankern und natürlich jene, die in den diversen Werften auf Ihren halbfertigen Wracks seit Jahren hocken. Ich fühle mich hier wie ein neutrales Element, bin keiner von all den anderen, bin nirgends einzuordnen, gehöre einer Interessensgruppe an die es bis dato hier noch nicht gab. Ich bin ein "Katamaransegler am Trockenen" der aber lieber im Hotel wohnt als im eigenen Dreck auf dem halb umgebauten Boot.

Über mich gibt es hier sicherlich viele Geschichten, Vermutungen, Tratsch. Was man sich bei schummrigen Petromaxlicht, an langen Winterabenden eben so erzählt. Ein halbes Jahr "Wassercamping" am Steg, oder vor Anker, da wird man während der eigenen Langeweile richtig kreativ. "Hat er Geld? Nein der pfeift doch aus dem letzten Loch. Ja aber warum kann er sich den Luxus eines Hotelzimmers leisten und einen Arbeiter beschäftigen.

Ungerecht ist es obendrein da er weniger zahlt als wir Campingtouristen die fest vertaut mit unseren schwimmenden Zelten am Steg hängen." "Wird er jemals fertig? Bestimmt nicht in der Zeit wie er sagt. Tommy hat seinerzeit auch behauptet nach einem Jahr wieder im Wasser zu sein, jetzt ist er seit 4 Jahren an Land und es sieht nach noch ein paar Jahren aus." "Wer allerdings eine Schraube pro Tag in ein Stückchen Sperrholz dreht, wird auch noch ein paar Jährchen brauchen" .

Neid, Langeweile, Besserwisserei und Selbststolz, dass ist die Jetty, der Steg oder die Marina des Hotels im Winter 2002. Eine Gemeinschaft von kleinkarierten Hausmeistern bei denen es ums gegenseitige Ausnützen geht. Nehmen, nehmen und nix zurückgeben, keinen Gegenwert und schon gar nicht Geld das man geborgt hat. Man möchte mehrmals in den Arsch getreten werden, wenn sich’s der Gläubiger traut, dann wird’s freundlich rückerstattet. Ich als außenstehender Katamaransegler ohne Wasser unterm Schwert bin gut Freund mit allen. Ich gebe den Besserwissern recht, borge leider zu oft meine Sachen her, war schon viel zu hilfsbereit und rede obendrein nicht schlecht über die anderen vor den anderen, was ja bekanntlich immer zurückkommt. So kommt es, dass diese Leutchen mir Ihre hausmeisterlichen Sorgen erzählen und ich Vorfälle, von allen Seiten betrachtet, kennen lerne. Der Stress Ihrer Überwinterungsprobleme steht jedem ins bleiche Jännergesicht geschrieben.

Der Hotelmanager an dem die Marina angeschlossen ist, ist ein netter Mensch, jemand der rechnen kann und nach dem Konkurs des Vorpächters versucht das Hotel in Schwung zu bringen. Durch Investitionen und Umbau versucht er das Hotel das seiner Tante gehört aufzumöbeln und ihm natürlich seine persönliche Note aufzustempeln. Die persönliche Note in der letzten Ecke der Bucht, neben den Schiffswerften, dem Schleifstaub, dem kontaminierten Boden auf dem nichts mehr wächst,

weil er zu 90 Prozent aus Antifouling, rostigen Nägeln, ausgehärteten Polyesterharz und Lackresten besteht. Wo die Meeresströmung jeden Tag das vorübertreibt was die Gullets aus Ihren Fäkalientanks ablassen. In einem Land wo es das Gesetz vorschreibt Fäkalientanks zu haben. Ein Gesetz das es verbietet Fäkalien innerhalb der 3 Meilenzone zu entlehren, aber nach 3 Meilen beginnt bereits Griechenland und die schreiben das gleiche vor. Man darf also illegal die Fäkalien in griechischen Hoheitsgewässern ablassen. "Abpumpstationen an Land? Was ist das bitte?" Die Gulletkapitäne nehmen die Situation leicht, fahren 100 Meter aus dem Hafen hinaus öffnen die Seeventile und der ganze Shit treibt mit der Strömung langsam wieder in die Bucht zurück. Die wenigen Fische werden mit diesem Überangebot an Nahrung nicht fertig, die, die gefangen werden sollte niemand essen außer der ahnungslose Tourist der dafür gutes Geld bezahlt. "Schwimmen hier in der Bucht? Kein Problem lieber Tourist.

Nun gut das geht schon wieder zu weit ins Philosophische, wir bleiben beim „kleinkarierten“ „hausmeisterlichen“ und betrachten wieder das endemische Leben der Jettysegler im Winter.

Wenn ein „Camper“ sein Zelt verbessert und umkonstruiert obwohl es neu ist, gut funktioniert und er obendrein keine Ahnung von Zelten hat, kann es nur schief gehen und er muss Werner heißen. Der liebenswerte Werner, der jedes Segellehrbuch auswendig kennt, jedes Segel- und Funkzeugnis sein Eigen nennt, den Namen seiner Großmutter mit überkreuzten Fingern morsen kann und mir das theoretische Wetter vom 23. Juli 2004 vorhersagt, kommt mit Situationen außerhalb von Lehrbüchern nicht zurecht. Manchmal könnte man meinen in seinem Kasten hängt das "blaue (Segler) Jackett" mit den Goldknöpfen in Plastikfolie verpackt, aber so schlimm ist es doch noch nicht. Wir sind aber in einem Land, in dem Flexibilität und Zeit überlebens notwendig sind.

Werner möchte unbedingt den Kiel seiner Alusegelyacht verlängern. Das Boot ist hecklastig und krängt zu stark im Vergleich zu anderen Booten. Hartnäckig hält er an seinem Vorhaben fest ohne zu bedenken, dass er eventuell früher reffen und einfach vorne mehr Ankerkette mit sich herumführen sollte. Bei einem Monohull, welche bekanntlich schwimmende, unterkellerte Schrebergärten sind, überhaupt kein Problem. Der Kiel, ein riesiges Vorhaben. Seit etwa einem Monat sucht er nach Aluminium der höchsten Qualität, exakt wie es im Lehrbuch für Aluminiumbootsbau steht. Jeder türkische Eisenhändler hier hat natürlich exakt das Aluminium das Werner sucht, zu Fantasiepreisen versteht sich. Prüfen ob der Händler diese Aluqualität auch wirklich liefern kann, kann man nicht. Jedoch ist es möglich den Eisenhändler zu prüfen. Wir fragen den guten Mann nach einer Aluqualität die es nicht gibt. X504 327 ME6 - und siehe da, die kann er auch liefern, er hat sie sogar auf Lager! Also auf zu nächsten Eisenhändler mit dem gleichen Fragenkatalog. Werner kann jetzt an nichts anderes mehr denken als an seinen Kiel, so konnte er auch sein kleines Missgeschick vom Jänner mit seinem CQR Anker wieder vergessen. Während des langen Winters an der Jetty kam die Idee auf man müsse unbedingt den tausendfach bewährten CQR Anker noch weiter verbessern. Nach wochenlangen Tüfteln machten die Franzosen, den kreativen Anfang und konstruierten das Gelenk um. Umkonstruieren auf französisch bedeutete „zuschweißen“. Somit mutierte der herrliche CQR Anker zu einem immer seitlich liegenden Schleppgewicht. Auch das zusätzliche, lehrbuchmäßige ausgießen der Flunkenspitze mit Blei half nix mehr. Die Bauern der Umgebung hätten diese Ankermutation sicher gerne hinter Ihre Rösser als Pflug gespannt. Diese kreativen Leutchen sollten sich wirklich auf Camping beschränken, einen verbogenen Zelthaken vergisst man leichter als einen verpfuschten 27kg Ex-CQR Anker

Jetzt wo die meisten die Jetty verlassen haben ist es still geworden. Das letzte Sonntagsbarbecue war mit insgesamt 5 Leuten wahrlich nicht dicht besetzt. Die „Stegcamper“ sind nicht losgesegelt sondern haben lediglich Ihre Zelte verlegt. Sie liegen jetzt vor Anker, da ist es billiger, ja es kostet nichts, denn die Frechheit des neuen Hotelmanagers lässt man sich nicht einfach gefallen. Er hat die Miete verdoppelt, grundlos, nur weil die Saison beginnt. "Verdoppelt!"

Hätte er um 30 Prozent erhöht wären wir murrend geblieben aber so einfach verdoppeln! Oder hat er bemerkt das wir die Stromzähler manipuliert haben und unsere Heizstrahler und Elektrowerkzeuge fast kostenlos benützen. Kann es sein das er hinterlistig mit der Mietverdoppelung unseren Betrug zu kompensieren versucht? " Die Franzosen waren die Betrüger!" Schon in den Pilotbooks wird man vor Ihnen gewarnt, meint der Hotelmanager dessen Marinaverantwortlicher, ein Ire, satte 4 Monate dem lustigen Treiben, in seinem mit Heizstrahler erwärmten Boot, stillschweigend zugesehen hat.

Ein nie endender Satz, Worte die hervorsprudeln wie eine Quelle, werden ohne Unterbrechung zu einem Fluss, der jedes Für und Wieder wegspült, ja es gar nicht aufkommen lässt. Mit Argumenten kämpft man gegen eine reißende Strömung aus Seglerweisheiten, und jahrzehnte langem, natürlich exzellenten, maritimen Können, selbst ein Nicken oder ein kurzes „Yes“ löst sofort wieder ein neue Monologflut aus. Begeht man den Fehler ein neues Thema anzuschneiden oder zu wiedersprechen sind die nächsten 20 Minuten mit einem Referat an Ratschlägen, Geschichten von Früher und Besserwisserei gefüllt Das ist mein täglicher Morgenkaffee mit Tommy, dem Schweden dessen Motorboot Vagabond seit 4 Jahren am Trockenen direkt vor meinem Arbeitsschuppen parkt. Er wollte ein halbes Jahr an Land bleiben um sein Boot herzurichten, inzwischen sind 4 Jahre vergangen und es werden wohl noch viele Worte hervorsprudeln bis Vagabond wieder im Wasser ist. Bis dahin versucht Tommy zumindest fast jeden Tag eine Schraube irgendwo in sein Boot zu drehen. Nur einer übertrifft Tommy den Schweden. Es ist Manfred der Österreicher. "Oh Gott ein Gesinnungsgenosse, einer aus dem gleichen Land wie ich." Manfred hockt hoch aufgebockt seit satten 8 Jahren auf dem Trockenen. Manfred der bereits um den Globus geschippert ist hat genug vom Segeln. „Es gibt für mich nix Neues mehr, nix interessantes, ich hab alles schon gesehen, deshalb verkauf’ ich jetzt mein Boot“ Nach acht Jahren "Trockenheit" und den Verkaufsträumen seiner Einrumpfschwarte lackiert er dennoch seine Mahagoni Türrähmchen liebevoll 5 Mal bevor er sie das erste Mal nass schleift danach wieder 3 Mal lackiert und abschließend poliert. Diese Österreicher - 8 Jahre "Konfusität" Ich bin auf jeden Fall jetzt seit 4 Monaten auf dem "Trockenen" und behaupte innerhalb von 6 Monaten mit meinem Umbau fertig zu sein. "Diese Österreicher!" "Einen Vorteil hab ich aber, ich baue einen Kat um und diese Leutchen sind einfach schneller!"

L.G. and always fair winds
Christian

Katamaran "Steamy Windows"
www.sunnyisland.at
Alle die sich jetzt Ihre Lippen mit den Zähnen wundbeißen, schreiben mir am besten: Christian Grünert


Inhalt