Warum ist es am Rhein so schön...

von Traudl Filgis

Km 780. Zwischen der Mündung der Ruhr (Ruhrort) und Homberg biegt Fun Too ein in Europas größten Strom, den Rhein, mit z.Zt. Extremem Niedrigwasser, wo die Baken hoch und weit oben an Land, deplaciert, stehen. Mit der Gemütlichkeit, wie bisher in den Kanälen von Travemünde her, ist es vorbei. Bis nach Koblenz, zur Mosel, trennen uns noch 188 km stromaufwärts.

An der südl. Kurve, bei Hamborn, betreibt die Thyssen Krupp Stahl AG den größten Hochofen der Welt und macht Duisburg damit zum Stahlstandort Nr 1 in Europa. Wir haben gehört, dass bei km 777, links nach der Autobahnbrücke, eine neue Marina sein soll, im hinteren Teil des Innenhafens, vorbei an alten Getreidesilos, Speichern, Sped.-Hallen usw. In den Werften wird an abgerissenen Antriebswellen geschweißt, Riesenpropeller ausgetauscht und die Pötte dazu sind um die 100 m lang, Opfer des Niedrigwassers. Die moderne große Marina kostet 10 Euro für ein 10m schiff plus Nebenkosten. Diesel und Benzin vorhanden. Wir tanken randvoll. Sie liegt, der alten Stadtmauer entlang, 15 Gehminuten vom histor. Ortskern und Stadtcentrum entfernt. Bummel der Königstr. entlang, auch Brunnenmeile genannt.

Vor imposantem Rathaus steht das Denkmal vom weltberühmten Mercator,1512-94, des Schöpfers der ersten modernen Karten. Der spätgot. Salvatorkirche nebenan kam im letzten Krieg die Turmspitze abhanden und sie sieht deshalb irgendwie halbfertig aus. Die Niederrhein-Therme macht Duisburg zur Kurstadt. Inzwischen ist in der Marina eine Flottille von 15 Motorbooten aus Holland eingetroffen, ihr nächstes Ziel ist Düsseldorf. Im Laufe des Tages fasse ich mir ein Herz, frage den Chef, ob...., wenn möglich....“Na ja, bis Düsseldorf nehme ich Euch mit meiner FLEUR auf den Haken.“

Gegen den Strom motoren „wir“ den einstigen Zankapfel zwischen Frankreich und Deutschland hoch. Der Rhein ist insgesamt 1320 km lang mit teilweise starkem Gefälle. Er ist Strom und die wichtigste Binnenwasserstr. Europas. In Basel, noch 250 m über dem Meer ist er bei Koblenz nur noch 10 m über dem Meer, die reinste Rutschpartie! Vom Bodensee kommend bis Bingen fließt der Oberrhein, zwischen Bingen und Bad Godesberg durchfließt der Mittelrhein das Rheinische Schiefergebirge. Wir fahren durch die Norddeutsche Tiefebene im Niederreihn. Schnell erkennen wir, dass der Rhein das meistbefahrene Gewässer Europas ist und die Tanker fest in holländischer Hand. Manchmal sind 8 Boote rund um uns in Bewegung. Die Talfahrt hat immer Vorfahrt und es gilt, der Strömung wegen, nicht immer Rechtsverkehr. Will ein Boot auf der „falschen“ Seite passieren, blinkt eine blaue große Tafel auf, das bedeutet: Verkehr Steuerbord an Steuerbord.

Km 743 Düsseldorf-Zollhafen. Um 9 Uhr fährt die „Fleur“ mit Fun Too im Schlepptau rheinaufwärts mit 7-9 km/h über Grund bis km 743 Düsseldorf-Zollhafen. Diesen alten Hafen, heute Citymarina, umgibt eine 12 m hohe Kaimauer mit steilen Steintreppen, gusseisernen Pollern und schmiedeeisernen Geländern. Während die 15 Motorboote des Konvois 1 ½ Std. benötigen, um in kurze Boxen, an Pontoons oder glatter Kaimauer im Päckchen ihren Platz zu finden, bestaunen wir von Fun Too aus die facettenreichen, hochmodernen, architektonischen Gehry-Bauten rund um uns. Z.B. 7-8 schiefe „Pisatürme“ zu einer Einheit als Wohnblock gebündelt, super!!. Erkundungsspaziergang: Direkt hinter Fun Too erhebt sich der 172 m hohe Rheinturm mit Aussichtskanzel. Nebenan liegt das kreisförmige Landtagsgebäude von Nordrhein-Westfalen und ein paar Minuten weiter das WDR-Funkhaus. Vorbei an der historischen Pegeluhr, bummeln wir über das eigens für die Rheinufer-Promenade entworfene wellenförmige Pflaster, das mich direkt seekrank macht. Unten, am Burgplatz, mündet die Namenspatronin der Metropole, das kl. Flüsschen Düssel, in den Rhein.

Wir flanieren entlang der Kö., der sehr exquisiten Shoppingmeile. Vorbei an Galerien und Künstlern. Stehen vor dem Geburtshaus von Heinrich Heine, der durch das Loreleylied Weltruhm erlangte.Erleben ansteckenden rheinischen Frohsinn in der Altstadt oder Gemütlichkeit an Stehpulten für die Biergläser an der „längsten Theke der Welt“ mit mehr als 260 !! Lokalen, wo die Post abgeht. Hier ist anscheinend Dauerbierzelt-Oktoberfest. Wir rollen unsere Kapuzen über die Häupter, denn es regnet. Sattgegessen, zufrieden und mit einem Blumenstrauß als Dankeschön für die „Fleur“ kehren wir zu Fun Too zurück mit der Brauereiweisheit: iss was gar ist, sag was wahr ist, trink was klar ist!!

Ein dänischer Segler, von der Mosel kommend, sagt, bis Koblenz, also noch 160 km, starke Strömung. Die Moselstrecke bis Nancy kein Problem, dann sind die Schleusen wegen Niedrigwasser und frühen Reparaturarbeiten bis auf weiteres geschlossen. Alle warten auf Regen. Wir wollen in kleinen Etappen den Rhein bis Koblenz hochmotoren, drücken die Daumen, dass wir in kleinen Y-Häfen mit unserem geringen Tiefgang reinkommen, oder wenigstens davor, sicher von der Strömung, ankern können. „Und wo bekommen wir Benzin her? „ „Benzin, immer nur Benzin“. Genervt geht der Skipper spazieren. Er kommt mit einem großen Blumenstrauß zurück.“Mach Dir nicht immer so viel Sorgen.“

Düsseldorf ade. 10 Uhr, der Regen hat soeben aufgehört. Vom Hafen kommend, überqueren wir mit 5 km vor einem Rheinfrachtschiff den Strom in Richtung anderes Ufer und hoffen auf ruhigere Strömung. Der Frachter holt auf und der Skipper sagt „Wink mal mit dem Festmacher, ob er uns mitnimmt“. Mit der Antigua war das immer zwecklos gewesen. Ohne viel Hoffnung winke ich trotzdem, eher wie ein Gruß und wir trauen unseren Augen nicht, der Frachter drosselt seine Maschine und winkt uns heran. Es ist der „Bayerische Wald – Köln“ (BW), ein Familienunternehmen, dem die kleine Iroquois mit dem Außenborder anscheinend leid tut. Wir erhalten die Chance und wir nutzen sie! Aber, auf Fun Too ist alles ordentlich aufgeklart und die langen Taue weggestaut. Von einer Sekunde zur anderen bricht Hektik und Streß aus. Starker Wellengang von 2 Talfahrern dazu. Nach viel nutzlosem Gerenne meinerseits übernehme ich Steuerrad und Motor und fahre parallel zur schwarzen Eisenwand. Der Skipper und 2 Mann Besatzung arbeiten überlegt mit langen Bootshaken und Zeichensprache, dann sind unsere beiden Festmacher durch ein armdickes Tau gezogen, nach 15 Minuten langsamer Fahrt ist der Schlepp fertig und es wird wieder volle Fahrt aufgenommen, unser AB ist hochgeklappt. Ein Rumpf im wirbelnden nahen Schraubenwasser, der andere auf der Heckwelle reitend, fliegt Fun Too plötzlich mit 11-12 Km/h rheinaufwärts über Grund (GPS) Der Lärm, die Gischt, die Kraft, die Schnelligkeit, alles zusammen sind zunächst gewöhnungsbedürftig.Das dürfte auch der Grund sein, warum die Rheinschiffer einen Schlepp ablehnen.Denn bei einer Geschwindigkeit von 18-20 Km/h durch´s Wasser wäre jedes Kielboot nach einem Km. versenkt. Aber nach dem Manöver eben, ist mein Herz vom Hals wieder an seinen Ursprung zurück gerutscht. Dann kommt Muße auf, uns umzusehen. Am trockengefallenen, sehr breiten Sandstrand machen „tausende“ von Gänsen Rast auf ihrem jährlichen Flug in den Süden. Nachmittags, km 707 YH-Hiltdorf. Ursprünglich wollten wir heute hier übernachten! An den Ufern immer wieder Großindustrie, bes. bei Leverkusen.

Km 687, Köln, 17 Uhr. Der „BW“ entlässt uns, um am hohen eisernen Außenkai festzumachen. Fun Too geht gegenüber in die Stadtmarina. „Wo kommt Ihr denn her?“ „Aus Düsseldorf“. „So-so, aus dem Ausland!“ „???“. „na dort ist schon der Niederrhein- Ausland und Köln liegt am Mittelrhein.“ Wir versuchen, pflichtschuldigst zu so viel Patriotismus zu lächeln. Köln wurde als Militärposten von den Römern als Colonie Agrippinensis gegründet. Um 18 Uhr stehen wir am Roncalliplatz, direkt vor dem Dom St. Peter, Hochgotik, die beiden Türme ragen 160 m hoch in den Himmel. Das Innenschiff ist riesig und düster. Wir sind hungrig und es gibt original kölsche Rievkooche, also Reibertatschi.

Nach einer Nacht voller Anspannung ist um 05 Uhr der Schlepp mit dem „BW“ wieder hergestellt. Es ist finster und saukalt - + 5 Grad. Auf km 663 und 660 befinden sich 2 kl. Y-Häfen. Km 653 Bonn. Wir kommen vorbei an der Beethovenhalle und dem langen Eugen. Bonn, das 41 Jahre lang die Hauptstadt der BRD war. Es taucht das Siebengebirge auf mit dem 321m hohen Drachenfelsen. Der Sage nach soll dort ob en der Drachen gehaust haben, den Siegfried bezwang. Darunter, km 645 Königswinter, sehr schön, aber es fehlt überall das Wasser. Die Ausflugsboote sind stillgelegt. Das gibt Verluste! Km 639 bei Oberwinter, liegt ein erreichbares „Pfannkuchenboot“, ein süßes Ausflugsziel. Km 634 Remagen mit viel Fachwerk. Km 605 YC-Neuwied samt Tankstelle und Fun Too braucht sie nicht!! Andernach, es ist bewölkt und es kommt düsteres Schluchtgefühl auf. An den nahen Ufern donnern täglich über 400 Züge durchs Rheintal mit viel Lärm.“Wie mag man hier nur wohnen wollen.?“ Am Horizont tauchen die sanften Hügel des Westerwaldes auf.

Fun Too ist auch immer wieder unguten Situationen ausgesetzt. Sie reitet ja auf der Heckwelle vom „BW“. Überholt uns nun ein Frachter oder Tanker, kommen seine Bug- und Heckwellen dazu. Fun Too fängt stromaufwärts an zu surfen, unser Schleppseil liegt schlaff im Wasser, ja wir fahren sogar darüber. Sind wir im Tal abgebremst, zieht unsere Verbindungstrosse – hau-ruck- heftig an und man hofft, dass nichts zu Bruch geht und wir surfen wieder, lenken am Heck des „BW“ vorbei, denn wie beim Reitpferd, besitzen wir keine Handbremse Mit Bangen sehen wir machtlos zu, wie die Topplaterne des gelegten Mastens am eisernen Heck nur ein paar cm entfernt gerade noch vorbeischwingt!

Unser bisheriges Ziel, das Deutsche Eck, die Landspitze zwischen Rhein und Moselmündung in Koblenz, 188 km von Duisburg entfernt, taucht auf mit seinem histor. Wahrzeichen, dem Reiterdenkmal Kaiser Wilhelm I. Viele Ausflugsdampfer karren den Tourismus heran, er ist Segen und Fluch zugleich. Ab 14 Uhr dichter Dauerregen, wobei der eisige Wind sehr schlimm ist. Auf der Strecke „darum ist es am Rhein so schön“, also bis rauf nach Bingen, stehen 29 Burgen und Schlösser. Einst wurde hier überall Flusszoll erhoben. Sie stehen über steil abfallenden Felsengipfeln, zwischen Weinhängen, wo jetzt per Traktor und krummen Rücken abgeerntet wird, und Laubwäldern, dazwischen immer wieder starke Regenschauer und starken Windböen. Der Rhein trägt hohe weiße Schaumkronen, Wind gegen Strom. Es ist 17 Uhr und seit genau 12 Stunden steht der Skipper ununterbrochen auf den Beinen hinter dem Lenkrad draußen, um Fun Too auf Schleppkurs zu halten, wenn sie ausscheren und auf Schlingerkurs gehen will.

Km 571 Boppard, St. Goar. Die folgende Strecke hat viele Naturschleifen. Mit der Antigua haben wir hier im Arbeitshafen am Mudderwerk anlegen dürfen und geschlafen. Der Ort quoll über von Touristen. Alles war voller Kukkucksuhren und Bierkrügen in ungeahnten Variationen und Größen und die Japaner kauften und kauften. Im Dez 1993, wir erinnern uns alle an die TV-Bilder von „Rhein unter“, war der Pegel hier !! 12 !! Meter über Normalnull. Die meisten Häuser standen zur Hälfte unter Wasser. Heute, im schnellen Vorbeifahren. Säumen diese Strecke trokkengefallene Sandbänke im Fluß unseren Weg.

Im Schiefergebirge ist der Rhein ca 100 m breit und nicht nur Objekt für Schwärmer. Dann ist es so weit: Zwischen steilen Ufern geht der wildromantische Durchbruch, die Loreley. Ab St. Goar zeigen am Ufer 5 beleuchtete Signaltafelstellen es an und zwar nicht mit Farbampeln wie an den Schleusen, sondern mit Signal-Kombinationen, die aus Schräg- und Querstrichen bestehen. Dieser Verkehr wird von Land beobachtet und geregelt. Daraus ist erkennbar, was für ein Typ Fahrzeug (Einzel- oder Schubverband), wo rheinab oder aufwärts fährt. Es darf der teils wasserfallartigen Bergströmung, Querströmung und Enge auf der 400 m langen Strekke nicht überholt und nur rechts gefahren werden. Es beginnt die früher so gefürchtete Loreleystrecke. Oben, auf dem 132 m hohen Schieferfelsen mit wehender deutscher Flagge, kämmt die Loreley ihr goldenes Haar und summt dazu das Brentanolied, mit Text von Heinrich Heine, „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten...“. Wir schon, denn wir erleben es hautnah, die Situation vom Fischer in seinem kleinen Kahn.

Als wir damals mit der Antigua „Fun Too“ mittags bei Sonnenschein hier waren, warteten unten an bestimmten Ausweichen ,Frachter, auf der Stelle gegen die Strömung motorend, um den Talfahrer passieren zu lassen. Jetzt, spät abends, es ist fast finster, ist kaum mehr Verkehr, so haben „wir“ freie Fahrt, aber in der Mittelrinne einmal nur noch 2 m Wassertiefe. Der „BW“, Länge 120 m, Breite 12 m, hat statt der zugelassenen 2.700 t nur 2000 t geladen und zwar buglastig, der Schrauben wegen, aber immerhin! Er dreht seine 2.000 PS volles Rohr auf, nur nicht stecken bleiben und Fun Too fliegt, laut mitlaufendem GPS, mit 22 km/h durchs Wasser und 15 km/h über Grund bergauf, dass die Loreley nur so staunt! Sie sieht gerade garantiert den schnellsten Catamaran, der hier jemals vorbeigekommen ist! . Die Büge knapp auf dem Wasser, die Hecks tief eingegraben, hinterlässt Fun Too eine weiße Gischtspur wie ein Speedboat. Keine 2 ½ m an Steuerbord ragen hohe, schwarze rundgeschliffene Schieferplatten neben uns aus dem seichten Wasser.

Es sind dies die „ 7 Schwestern „ ein fast trocken gefallenes glänzendes Riff, was so sehr selten vorkommen soll. Einige Querwellen vom Bug des „BW“ brechen sich an den Felsen, können nicht weiterlaufen, sondern kommen die 120 m am Rumpf entlang zurück und auf Fun Too zu, die schon auf hoher Heckwelle schwebt. Der seitliche Wasserberg, der aufgestaut wird, ist dann höher wie unsere Rümpfe, das grüne Wasser steigt durchs Netz und ergießt sich über die Front- und Seitenfenster. Fun Too befindet sich wie in einer Autowaschanlage. Dazu kommt noch das Aufschaukeln wie im Entengang bei der Affenfahrt! Stoßgebete „jetzt nur nicht querschlagen, bitte, bitte!!“. In der folgenden langgezogenen Kurve driftet Fun Too, durch die 3 t Schwerkraft bedingt, am überstraffen Verbindungsseil, das gespannt ist wie eine Violinseite, weit nach außen, dorthin, wo das Wasser sogar für uns enorm flach wird. Beschwörendes Stoßgebet:“Leine du musst halten, du musst!!“, sonst wars das wohl. In der steinigen Talschlucht gibt es dann nicht sehr viel Alternativen, zumal es um 19 Uhr zwischen den über 100 m hohen Bergen im Flusstal unten schon finster ist und Fun Too ja wegen des gelegten Mastens kein Licht oder Scheinwerfer besitzt. Wir fahren mit Innenbeleuchtung und Taschenlampe, damit uns die anderen Verkehrsteilnehmer gut sehen können. Ob hier eine Taschenlampe hilft, wenn..., nur nicht daran denken. Der Mund ist trocken, der Optimismus hofft, der Skipper dreht ununterbrochen am Steuerrad, denn der Vordermann gibt oft Seitenruder und der ruckartige Wasserstrahl, der uns trifft, droht Fun Too aus der Bahn zu werfen.

Alles Bangen hat einmal ein Ende, wir sind oben , in Oberwesel, die letzte Schalttafel ist passiert. Die Berge treten zurück, bekommen wieder Konturen. Der Strom wird „ruhiger“ und breiter. Die engste, strudelreichste und steilste Stelle des Rheins liegt hinter uns. Und als ich gerade denke „wer reitet so spät durch Rhein und Nacht?, es ist der Skipper mit seiner Yacht“, bekommen wir von vorne ein Zeichen: zusammengeklappte Handflächen, den Kopf schief draufgelegt, schlafen. Unser Zugpferd geht seitlich zu den Berghängen zum Ankern, wir verschwinden in eine kleine Einfahrt für Unterhaltsfahrzeuge und gehen bei einem der beiden Baustellenboote längsseits.

Mein Skipper war geschlagene, anstrengende, kaltnasse 15 Stunden ununterbrochen auf den Beinen, pflichtbewusst, achtsam, reaktionsschnell, durchfroren. Einsame Klasse. Er wehrt jedes Lob ab. „Nur die Schultern tun etwas weh“, sagt er bescheiden, als die Anspannung nachlässt. Es war echt ein Wetter für 2 Pullover, 2 Jacken, 2 Hosen, 2 Mützen, Handschuhe und Gummistiefel, denn die + 6 Grad den ganzen Tag über waren im zugigen Wind/Regen noch kälter. Später – „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich in meinem Alter noch so viel erlebe“. Pause „Also, wenn mir das jemand erzählt, was wir gerade gemacht haben, dem würde ich das nur als Seemannsgarn abnehmen“, so verarbeitet er das soeben Erlebte. Es folgt Tiefschlaf mit Wollmütze bei klammen 7,2 Grad Innentemperatur.

Der Wecker klingelt uns um 04,30 Uhr aus der Wärme der Koje. Ägyptische Finsternis. Um 05 Uhr sind wir fröstelnd wieder am gr. Poller des „BW“ fest, mit der Bemerkung des Schlepp-Kapitäns „ich habe Euch heute durchs Gebirge etwas kürzer genommen“. Er hat unseren Seiltanz vor ein paar Stunden an der Loreley ja mitbekommen!

In Biberach die ersten erhellten Fenster. Um 07 Uhr wird es hell, um 8 Uhr schalten wir die Salonbeleuchtung aus. Die diffuse, berüchtigte Strecke „Binger Loch“, welche wir mit den beiden Dieselmotoren der Antigua so mühsam wegen der starken Gegenströmung gemeistert hatten, merken wir diesmal nur daran, dass die Begrenzungsbojen schief, halb unter die Wasseroberfläche gezogen werden. Auf einer Insel steht der Mäuseturm, heute Signalwarte, in dem der Sage nach Erzbischof Hatto von Mainz zur Strafe dafür, dass er Hungernden nicht geholfen hatte, da eingesperrt und von Mäusen aufgefressen wurde. Und was hat es genutzt. Heute ist die Vatikanbank ein lukratives Unternehmen und gehungert wird immer noch.

Die Bergstrecke liegt hinter uns. Das Tal weitet sich. An den Hängen des Taunus ist der Riesling reif. Die Arbeit in den Steilhängen ist Plackerei. Darüber rabenschwarze Wolken, im Radio wird gemeldet, am Großen Feldberg herrscht starker Schneefall. Mit der Antigua waren wir zeitgleich am selben Datum hier, bei 20 Grad Sonnenschein. Das Niederwalddenkmal, erbaut zur Erinnerung an den Krieg 1870-71 grüßt rüber. Steuerbord liegt Bingen an der Nahemündung, mit großem Hafen voller Ausflugsboote und Heimat der Elisabeth von Bingen, Klosterfrau und Gesundheitsapostelin. Vis a vis liegt Rüdesheim. Mit der Antigus besuchten wir dort im T-shirt die Drosselgasse, es gab Federweißen, einen gärenden, flockigen Weinmost und Zwiebelkuchen zur Musik. Heute tragen wir zum Anorak Mütze und Handschuhe, vorbei am rosa Schloss von Wiesbaden. Bei km 497 zweigte die Antigua Fun Too ab in Richtung Main, RMD-Kanal, Donau und Schwarzes Meer. Diesmal geht’s weiter im Rhein. Es dehnen sich große Weinfelder, direkt am Rheinufer, eingerahmt vom Kolonnenverkehr der Autos, Eisenbahn und den Abgasen der Rheinschifffahrt, als i-Tüpfelchen zu den 63 erlaubten Zusätzen. Na denn, Prösterchen, wohl bekomms!. Nach Oppenheim haben uns die Taunuswolken eingeholt mit Hagel und Regen. Nach 2 Std. sieht man die Ufer wieder deutlich. Laub wirbelt auf Fun Too. Und wieder steht der Skipper, allem ausgesetzt, draußen am Ruder.

Km 443 Worms am Oberrhein, war schon in vorgeschichtl. Zeit besiedelt, erst von Kelten, dann von Römern besetzt und später Mittelpunkt des Burgunderreiches. Am Ufer steht ein großes Denkmal zur Erinnerung Ob wir soeben über ihren sagenhaften, im Rhein verborgenen Schatz drübergefahren sind? Wenn ich mir vorstelle, wie die über Rhein und Donau zu Etzels Burg an der Theiß hingekommen sind, muß ich sagen, das ist auch der nächste Weg. Was Liebe und Haß doch alles fertig bringen

Km 442 Y-Hafen mit Tankstelle. Es folgen Mannheim an der Mündung des Neckars und gegenüber Ludwigshafen. Der Rhein durchfließt ein riesiges Industriegebiet, die Luft riecht chemiedurchschwängert. Es ist 16 Uhr, für heute ist unvermutet Schluß. Im Strom am eisernen Wall anzulegen, wie es unser Schlepper tut, ist für Fun Too absolut zu gefährlich, wegen der aufreißenden Wellen von Vorbeifahrenden.Der allgemeine Verkehr geht teilweise auch nachts weiter. „Und was machen wir jetzt?“ „Such den Autoatlas raus“. Hier finden wir den stillgelegten Luitpoldarm bei km 425. Mit Billigung der Wasserpolizei, die uns sofort folgt, dürfen wir hier ausnahmsweise übernachten.

04,15 aufstehen, zum „BW“ zurückmotoren, Es hat nur noch 4 Grad. Der plötzlich aufgeblendete Lichtkegel eines rheinaufwärts gleitenden Kreuzfahrers unter der Rheinbrücke scheucht uns irritiert zur Seite. Dann spüren wir am Wellengang, dass das Boot vorbei ist.. Um 05 Uhr geht mit Getöse und Gerucke an der Schlepptrosse wieder die Post ab. Allmählich zerrt das alles an den Nerven. Alle Stadtlichter liegen achteraus. Es ist finster. Ein anderes Kreuzfahrerschiff mit schweizer Flagge gleitet stromab. Alle Kabinenfenster sind noch dunkel. Ich wollte, ich läge warm auch dahinter, Industrieanlagen tauchen auf, hell erleuchtet wie eine Kleinstadt. Schwetzingen bleibt zurück. Km400 Speyer mit den 4 Türmen und der Rundkuppel des gr. Kaiserdoms. Der Rhein wird merklich schmäler, aber die Gegenströmung eher stärker. Seitlich riffeln kleine Stromschnellen über Buhnen deutlich die Oberfläche des Wassers. Um 8 Uhr wird im Radio gemeldet: Schneechaos zwischen Schwarzwald, der Alb und im Allgäu mit querstehenden LKWs. Erst der heiße Jahrhundertsommer und jetzt, am 8.10., das andere Extrem. Der kräftig böige achterliche Wind gegen den Strom reißt Wellen auf, so dass die Wasserpolizei nur so hochgeworfen wird und – umkehrt, wieder ruhiger stromaufwärts fährt!. Sogar hier ist mit dem Rhein nicht zu spaßen. Bei km 391 spielt er sogar verrückt durch ein quer über die ganze Breite gehendes Katarrakt. Die Tiefe fällt von 3 m auf 13 m und steigt wieder steil an. Dementsprechend sehen die hohen Wellen aus, die Fun Too ausreiten muß. Wir fahren vorbei an den Kühltürmen eines Atomkraftwerks, wo das Kühlwasser dampfend mündet.

Km 362 Karlsruhe. 13 Uhr, Y-Marina Gästesteg. Unser guter Geist, die BW, würde uns zwar bis zu den großen Schleusen am Schwarzwald mitnehmen, aber es ist weiterhin sehr kaltes Regenwetter um die 4-9 Grad angesagt und Windböen bis 9 Bft. Deshalb gedenken wir ein paar Tage Urlaub vom Urlaub und auf family zu machen. Wir zeigen uns bei dem „BW“ mit einem großen Blumenstrauß und einem Obolus im Kuvert erkenntlich für eine außergewöhnliche Rheinreise. Und eins ist sicher, die Loreley werden wir unser Leben lang nicht vergessen.

5 Tage später, bei stabilerer Wetterlage, sind wir wieder unterwegs. Bei 7-8 km/h Gegenstrom schafft der 9.9 PS Yamaha Schiebemotor einen Durchschnitt von 4,3 km/h über Grund /GPS. Bei 1,8 km/h Fahrt denkt man aber schon „mühsam nährt sich das Eichhörnchen“, wenn man an der fast unter Wasser gezogenen Boje wirklich nur cm weise vorbeikommt. Dieser Oberrhein rauscht zeitweise daher wie ein Wildbach, bei behäbiger Breite. In Ufernähe wäre schnelleres Vorwärtskommen kein Problem, doch die geringe Wassertiefe lässt es nicht zu. Nicht, dass wir es nicht probiert hätten!, doch seit ein bremsender Stoß Fun Too trifft und beide Ruder nach oben schnellen, halten wir uns brav wieder innerhalb der Markierungsbojen. Das trügerische glatte Oberflächenwasser führt sehr starke Strömung mit sich. Hingegen sind die beängstigend aussehenden Wirbel oder kreisrunde Trichter, je größer, je lieber, unsere Freunde, weil sie nämlich für die Strömung ein Hindernis sind und den Abfluß des Stromes bremsen. Der Außenborder macht dann Freudenhüpfer und beschließt, bis zu 3 km/h zuzulegen. Leider währt die Freude immer nur kurze Zeit.

Bei km 340 Lauterbourg, ist der Rhein wieder Grenzfluß zwischen Deutschland und Frankreich. Km 333 Schleuse Iffezheim, Fun Too klettert 14 Meter in die Höhe. Zunächst haben wir danach nur noch 1,5 km/h Gegenstrom, später 3,5 , damit kann man leben. Wir motoren entlang dem Schwarzwald, dem Randgebirge des Oberrheinischen-Tieflandes. Schleuse Gambshein km 309, Höhenhub 12 m.

Auf km 308 liegt der YH Freistett, Nachtlager.Am Vormittag erhalten wir im YC-Kehl / Eisenbahnbrücke/, Superbenzin. Der Pennymarkt liegt 900 m entfernt. Einige Brücken verbinden Kehl und Straßburg. Den Nummernschildern nach zu schließen, funktioniert der kleine Grenzverkehr sehr gut. Der aufgestaute Rhein im jetzt hoch gelegenen, breiten Kanalbett ist strömungsarm. Der Restrhein schlängelt sich seitlich vorbei. Sonst ist der Strom ganz kanalisiert. Die Schleusen „Straßburg“, „Gerstheim“ und „Rhinau“ heben uns insgesamt 36 m hoch.

Da Fun Too immer nur als Schlusslicht „vor Torschluß“ in die Kammern gelassen wird, was mit Wartezeiten verbunden ist, gibt es beim Ablegen und Rausfahren zwischen den engen Betonwänden starke Wasserwirbel, die kräftig an unseren Festmachern zerren. Sie werden verursacht von 4-5 Antriebsschrauben und Seitenrudern der vorderen Frachter. Diese Pötte führen alle 1-2 PKWs mit, manche Blumenkästen, einige kläffende Hunde, die froh sind, jemanden neben sich anbellen zu können. Es gibt auch, quer übers Schiff, Laufställe mit Schaukel. Rutsche und Puppenhaus,. Home sweet home. Und dann die nüchternen Öltanker, die nur aus Rohren zu bestehen scheinen und die größten Wellen aufreißen, time is money.

Der kanalisierte Rhein ist landschaftlich schön bis eintönig, tagelang nur Laubbäume. Abwechslung bringen außer den Schleusen die vielen Tiere zu Wasser und an Land. Dazu färbt sich das Laub zum „goldenen Oktober“. Jeweils unten an den Schleusen stehen frz. Kraftwerke und nutzen den Rhein als Energiequelle. Morgens um 08 Uhr ist es mit 4-5 Grad sehr kalt. Wir sehnen die Zeit herbei, wenn die Sonne den Flussnebel aufgeschleckt hat und die Temperatur steigt. Man könnte genau sagen, wann es 11 Uhr ist: ab da hat man wieder Gefühl in den Zehen.

Das breite Rheinbett durchfließt das Elsaß zwischen dem Kayserberg / Colmar und dem Kaiserstuhl vor Breisach im Breisgau. Die Silhouette des Klosters und des bekannten Münsters von Breisach sieht aus wie ein Scherenschnitt auf Briefmarken. Es dehnen sich Weinhänge. Bei km 226 geht der Kanal nach Colmar weg. In Fessenheim km 211 wird die große Doppelschleuse repariert. Fun Too darf sofort in die eben leer gewordene kleinere Kammer einlaufen, denn oben wird das Wasser dringend erwartet von 8 Talfahrern in Warteposotion. Das kosstet Zeit und Geld. Man muß sich sowieso fragen, wie sich das alles rechnet. Jedes Schiff ist z.Zt nur zu 2/3 beladen. Die Öltanker fahren alle leer rheinab. Oder es wird Schrott von Duisburg hoch nach Kehl gefrachtet, hier zu Draht verarbeitet und dieser dann rheinab ins Ruhrgebiet gebracht. Oder: in Basel werden 1000 t Sonnenblumenkerne geladen, diese nach Mannheim gefahren, gepresst und der „Abfall“ geht den selben Weg als „Viehfutter“ nach Basel zurück. Der Rubel muß rollen. Heute haben uns 4 Schleusen 44 m hoch gehoben. Von der flachen Ostsee kommend, sehen die Berner Aalpen vor uns ganz schön imposant aus!

Kurz vor Basel. Bei km 185,5 Niffer, verlassen wir den Rhein in Richtung Kanal „Rhone au Rhin“ nach Mulhouse. Wir wollen noch am Jura vorbei bis Lyon fahren. Die Rheinqellen liegen im Gotthard- und Adulamassiv. Nach deren Vereinigung heißt der Fluß Alpenrhein bis zum Bodensee, den er durchfließt. Anschließend bildet er bei Schaffhausen den 20 m hohen Rheinfall. Von dort bis hier bei Basel fließt der Hochrhein.

Bis zu dieser Abzweigung nach Mulhouse reicht unsere in Lübeck gekaufte Kanalkarte. Abjetzt werden wir den Rat eines Bootbesitzers beherzigen: „Zum Mittelmeer müsst Ihr Euch bei Abzweigungen immer links halten, rechts geht’s nach Paris.“Wo erfahren wir die Übernachtungsstellen?“ Achselzucken bis zu den Ohren.“Und die Schleusen vom Canal du Rhone au Rhin?“ „Die werden im Winter überhohlt“ So optimal informiert, setzt Fun Too die Reise gen Süden in die Wärme von Lyon fort. Das ist um 18,30 Uhr. Um 18,45 Uhr müssen wir eine Vignette kaufen, den modernen Wegezoll der Franzosen und erfahren gleichzeitig, dass alle weiteren Schleusen oberhalb der nächsten mit Nr 41 Mulhouse, seit gestern schon wegen Reparaturarbeiten bis 5. Januar 2004 gesperrt sind. „Das darf doch nicht wahr sein!“ „S’ isch abr so!“ Bei Dunkelheit tasten wir uns per Taschenlampe zum Steg des YH Niffer nebenan vor.

Am nächsten Morgen deckt eine dicke Rauhreifschicht die Boote und Stege. Ein umfangreiches Tief wird angesagt und „...für die Jahreszeit zu kalt“ befunden. Es riecht nach feuchten Blättern. Tiefe Stirnfalten grübeln, denn wir wussten nur von der derzeitigen Schließung der Schleuse Hanau /Frankfurt/ Main und Canal de l’Este. Letzterer wäre wieder offen!!. Wie beim Schachspiel gehen wir unter Berücksichtigung des sehr kalten Wetters mit Regen und Schneeschauern div. Alternativen durch: Zurück nach Straßburg und dann 240 Schleusen vor uns?, Die Genehmigung eines Landtransportes vorbei am Jura würde wegen der Überbreite und Polizeibegleitung 4 Wochen dauern.

Entschlossen fahren wir den Kanal weiter bis km 14. Am Rande vor Mulhouse, in Izzichheim liegt die Werft Chantier Naval de Lìle Napoleon, Tel 03 89 61 85 30 mit Kran und Stellplatz, wo uns mit Freundlichkeit jede Hilfe zu Teil wird. Der genannte Preis ist dann auch Verhandlungssache, denn“A bisserl was geht immer.“ Die Iroquois Fun Too wird hier also überwintern. Ganz plötzlich und ungeplant ist die Reise am 20.10.2003 zu Ende.


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